Die Sage vom »Sängerkrieg auf der Wartburg«

Der Sängerkrieg auf der Wartburg, Fresko von Moritz von Schwind 1855

Am Hofe des Landgrafen Hermann I. von Thüringen hatten sich sechs edle Männer zusammengefunden, die hübsche Lieder dichten konnten. Sie erdachten auch neue Gesänge, mit denen sie gegeneinander in den Wettstreit traten. Und weil dieser Liederwettstreit auf der Wartburg stattfand, nennt man ihn noch heute den Sängerkrieg auf der Wartburg.

Der erste Sänger hieß Heinrich Schreiber und war ein vortrefflicher Ritter; der zweite Walther von der Vogelweide; der dritte Reinhard von Zwetzen, auch Reimar Zweter genannt; der vierte Wolfram von Eschenbach; Biterolf, der fünfte, gehörte zu der Landgräfin Dienerschaft, und der sechste schließlich, Heinrich von Ofterdingen, war ein Bürgersohn der Stadt Eisenach, der aus angesehenem Geschlecht stammte.

In ihrem Wettkampf priesen sie laut das Lob guter Fürsten und vornehmlich das des gastlichen und kunstsinnigen Landgrafen. Nur Ofterdingen stritt gegen sie alle. Er huldigte mit seinem Gesang dem Herzog von Österreich und hob ihn hoch über jeglichen Fürsten. Die Verse wurden immer eifriger vorgetragen, und der Liederkampf nahm schließlich ernste Formen an. Zuletzt beschloß man, dem Unterlegenen auf der Stelle vom Scharfrichter, Meister Stempfel, das Haupt abschlagen zu lassen. Auch der Landgraf stimmte diesem Vorschlag zu.

Nun sangen alle in kunstvollen Weisen gegen Ofterdingen, denn sie haßten ihn und neideten ihm seine Kunst. Gern hätten sie ihn vom Hof getrieben. Ofterdingen verglich seinen Held mit der Sonne und gestand den übrigen Fürsten nur Sternenglanz zu. Dagegen erhoben die anderen Sänger den Thüringer Herrn über alles und nannten ihn den Tag, dem die Sonne erst nachfolgte. Die Worte und Bilder, deren sich die Sänger bedienten, waren bald nicht mehr abgewogen und schonend, sondern derb und verletzend. Alle stritten leidenschaftlich. Endlich schien doch die Überzahl zu siegen, fünf gegen einen, und Ofterdingen mußte klagen, daß man ihm in Thüringen falsche Würfel vorlege. Sehnsuchtsvoll rief er aus: »Oh, dich bitte ich her, Klingsor aus dem Ungarland! Und wärst du noch so weit entfernt: Auf dich berufe ich mich, dich darf ich auswählen, deine Meisterschaft ist auserkoren von allen Sängern. Und solltest du den Gries des Meeres und alle Sterne einzeln zählen, hilfst du, so bin ich unverloren.«

Aber vier der Meistersinger wollten Ofterdingens Tod, und Stempfel wurde aufgefordert, sich bereitzuhalten. Doch als sie Ofterdingen ergreifen wollten, entfloh er zu den Füßen der Landgräfin Sophia, die mit ihren Frauen dem Wettkampf bewohnte, und barg sich in ihrem Faltenmantel. Die Landgräfin erhob sich daraufhin, hielt ihre Rechte schirmend über den Sänger und sprach zu seinen Verfolgern: »Bin ich jemals einem unter euch Abwehr seines Kummers und Zuflucht gewesen, so laßt mir euren Zorn! Wem ich von euch je die Hand bot, der läßt diesen unbehelligt.« Da sprachen die Sangesrichter: »Euer Wille geschehe, euch gehorchen wir gern! Mag er den Klingsor bringen! Es wird wohl lange dauern, bis er kommen wird!«

Ein Jahr bestimmte der Landgraf als Frist. In dieser Zeit sollte Ofterdingen den Klingsor rufen und ihn herbeiholen. Seinem Urteilsspruch sollten sich alle fügen, da er in sämtlichen Landen viel Ruhm und Ehre genoß. Ofterdingen nahm darauf Urlaub vom landgräflichen Hof und fuhr nach Österreich zu Herzog Leopold. Dieser hatte Ofterdingen zuvor viel Gutes erwiesen, weil er ihn in seinen Liedern so hoch pries. Der Herzog nahm den Sänger auch wieder gütig auf. Er stattete ihn mit Briefen und reichlich Zehrung aus, worauf Ofterdingen in das ferne Ungarland zog.

Meister Klingsor war wohlerfahren in den sieben freien Künsten. König Andreas hielt ihn hoch in Ehren und befolgte seinen Rat. Klingsor empfing alljährlich dreitausend Mark Silber, dazu Kleider und köstliche Speisen. Als Bergkundiger verstand er sich ausgezeichnet darauf, verborgene Schätze zu finden. Darüber hinaus rühmte man ihn aber auch als einen der größten Sangesmeister. Zudem besaß er die Gabe, aus den Sternen weiszusagen und verfügte über vortreffliche Kenntnisse in der Zauberkunst. Starke und mächtige Geister waren ihm dabei zu Diensten. Heinrich von Ofterdingen offenbarte Meister Klingsor, wie es ihm beim Sängerkrieg auf der Wartburg ergangen war, und überreichte die Briefe des Herzogs von Österreich. Als der Meister die Briefe gelesen und des Sängers Bericht vernommen hatte, sprach er ihm mit den Worten Mut zu: »Sei getrost, Geselle, wir wollen dein Unglück wohl von dir wenden. Ich selbst will mit dir fahren, die Lieder all der Sänger hören und den Streit ausgleichen. Doch sage mir auch deine Gedichte.«

Ofterdingen trug daraufhin dem Meister seine Lieder vor, die jenem über alle Maßen gefielen. Später mußte der Sänger noch viel von seinen Feinden erzählen, so daß Ofterdingen längere Zeit bei Meister Klingsor verweilte. Sie vergnügten sich mit allerlei Kurzweil, und das Jahr verging, ohne daß der Meister Anstalten machte, die Reise nach Thüringen anzutreten. Mehr noch: Deutlich verzögerte er die Abreise, bis der Tag herankam, an dem die Frist für Ofterdingens Rückkehr nach Eisenach ablief.

Das war diesem gar nicht recht. Er klagte, als landflüchtig zu gelten, weil er sein Wort gebrochen habe. Nun dürfe er die edle Sangeskunst nicht mehr ausüben. »Ach, lieber Meister«, bat er, »laßt mich nicht so jämmerlich von euch scheiden. Ich kann und will es nicht glauben, daß ihr mir eure Hilfe versagt.«

»Beruhige dich nur, mein Sohn«, erwiderte Klingsor, »wir kommen wohl noch hin. Wir haben starke Pferde und einen leichten Wagen.«

Abends lud er seinen Gast zum Essen und ließ ihm einen köstlichen Trunk reichen, nach dessen Genuß Ofterdingen in tiefen Schlaf sank. Da ließ ihn der Meister auf eine lederne Decke betten, legte sich selbst dazu, hüllte sich und Heinrich ein und gebot seinen Geistern, sie beide sogleich nach Eisenach in das beste Wirtshaus zu bringen.

Sanft und wohlbehalten gelangten sie noch in derselben Nacht zu Heinrich Hellgrafens Hof. Dieser Mann war seiner Gastlichkeit wegen weit und breit bekannt. Der Hof lag nahe am Georgentor. Ofterdingen erwachte, als der Türmer den Tag anblies, und lauschte verwundert dem Meßgeläut von St. Georg. »Habe ich nicht schon oft diese Glocke gehört?« fragte er. »Mich dünkt, ich sei in Eisenach!« »Du träumst vielleicht«, erwiderte Klingsor zum Spaß. Doch als Ofterdingen die Häuser und Gassen erkannte, rief er voller Freude aus: »Gott sei Dank, daß wir hier sind!«

Bald gelangte auch die Kunde auf die Wartburg, Ofterdingen sei zurückgekehrt und habe den fremden Meister mitgebracht. Da eilten die Sänger herab vom Schloß und empfingen ehrfürchtig den Meister. Sie überreichten ihm Geschenke und erkundigten sich, wo beide den Abend zuvor eingekehrt seien. »Wir sind in Siebenbürgen schlafen gegangen, und zur Frühmettzeit waren wir hier«, entgegnete darauf Ofterdingen. »Wie das zugegangen ist, vermag ich nicht zu sagen.« Verwundert sahen sich darauf die Sänger an. Doch als keine weiteren Erklärungen folgten, gaben sie sich zufrieden und zogen mit ihren Gästen hinauf zum Landgrafenschloß, wo sie der Fürst mit seinem Hofstaat empfing.

Nachdem Klingsor dem Landgrafen einige Dinge geweissagt hatte, begehrte dieser von dem Meister, den Streit, dessentwegen er hergekommen war, mit den Sängern auszurichten. Das geschah dann auch zur Wartburg auf dem Ritterhaus. Der Meister erinnerte an die strittigen Gesänge und wandte sich dann an den Landgrafen, sein Gefolge und die Herren, die in großen Scharen zur Wartburg gekommen waren. »Der Tag kommt von der Sonne«, sprach er mit lauter Stimme, »und würde die Sonne die Erde nicht beleuchten, so wäre kein Tag.« Mit diesen und vielen weiteren schönen Worten legte er den Sängerkrieg bei, so daß Heinrich von Ofterdingen sein Leben behielt.

Darauf verabschiedete sich Klingsor von dem Landgrafen, der ihn reich beschenkte. Plötzlich verschwand er und niemand wußte, wie das geschah.


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