Der Eisenacher »Fremdenverkehr«

Ziegelei Sältzer mit dem Hoffmannschen Ringofen 1875

Vom »Fremden« zum »Touristen«

Der Begriff »Tourismus« (von franz. le tour) ist zwar für Deutschland schon um 1830 belegt, dennoch setzte sich seine flächige Verwendung erst ab 1960 durch.

»Touristen sind Personen, die zu Orten außerhalb ihres gewöhnlichen Umfeldes reisen und sich dort für nicht mehr als ein Jahr aufhalten aus Freizeit- oder geschäftlichen Motiven, die nicht mit der Ausübung einer bezahlten Aktivität am besuchten Ort verbunden sind.«
--Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO)

Bis zum Anfang des 19. Jh. spielten private Reisen so gut wie keine praktische Rolle. Das Reisen war gefährlich, aufwändig und teuer. Wer reiste, bspw. Händler oder Handwerksburschen auf der Walz, hatte hierfür einen wirklich triftigen Grund. Außerdem wurden Fremde vielerorts mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet. Das sollte sich erst ab etwa Mitte des 19. Jh. drastisch ändern. Die aufkommenden technischen Möglichkeiten (Eisenbahn) sowie die zunehmende Wohlhabenheit vieler Bürger brachten hier den Umschwung.

Aber trotz daß private Reisen vorher eher die Ausnahme waren erschien schon 1708 eine Art »Reiseführer« über Eisenach unter dem Titel »Das jetzt lebende und schwebende Eisenach«. Interessant ist, daß der Autor – von Bergenelsen –, das wirtschaftliche Potential der Fremden erkennt:

»Drum ists den Reisenden sehr angenehm, wann sie ein solches Büchlein haben können, darinnen sie nach einander alle Curiositäten können beysammen finden, bringt auch wohl der Bürgerschaft desto mehrere Nahrung, daß sie sich etwa ein Reisender ein oder ander Tag desto länger aufhält, alle Merckwürdigkeiten zu besichtigen.«

Kurz: Reisende bringen Geld in die Stadt und sollten (deswegen) animiert werden, länger zu bleiben. Dennoch sollte es noch mindestens 100 Jahre länger dauern, bis »Fremde« zu »Gästen« – und damit auch zu wirtschaftlichen Faktoren wurde.

Die wirkliche Veränderung brachte erst das 19. Jahrhundert: Intellektuell, kulturell, wirtschaftlich – durch das Aufbrechen der Zunftzwänge – und räumlich durch Öffnung der Stadttore bis hin zur Niederlegung der Stadtmauern (»Entfestigung«) vollzog sich ein langsamer Wandel, daß Fremde weniger mit Mißtrauen als vielmehr als etwas Willkommenes betrachtet wuden. Dies geschah in erster Linie im wirtschaftlichen Bereich. Handel, Handwerk und Gewerbe überwanden Grenzen und schufen sich neue Medien, dieses Ziel zu erreichen. Der »Zollvereinigungsvertrag«, der am 1. Januar 1834 in Kraft trat, war ein wesentlicher Meilenstein auf diesem Weg. Immer neue Märkte wurden erschlossen, der Handel wurde dichter und dichter und nicht zuletzt mit der Entwicklung der Eisenbahn erreichten Transportmittel eine nie dagewesene Qualität im Hinblick auf Kapazität, Reichweite und Geschwindigkeit.

Für Eisenach setzte diese Entwicklung unübersehbar im 2. Drittel des 19. Jh. ein. Einen maßgeblichen Anteil zum Erfolg dürfte hierbei die Wartburg beigetragen haben. Schon 1792 war eine kleine Schrift von Johann Carl Salomon Thon mit dem Titel »Schloss Wartburg. Ein Beytrag zur Kunde der Vorzeit« erschienen, die bis 1826 immerhin vier mal aufgelegt wurde. Das spricht für eine recht weite Verbreitung, wahrscheinlich über reine Historikerkreise hinaus. Das beginnende Zeitalter der Romantik und das verstärkt einsetzende deutsche Nationalbewußtsein verstärkten die Bedeutung der Burg.

Es war sicherlich kein reiner Zufall, daß sich deutschen Burschenschaften im Oktober 1817 auf der Wartburg trafen, um ihrer Forderung nach einem Nationalstaat Ausdruck zu verleihen. Wenn man so will, kann man hier durchaus die Wurzel des »Tagungstourismus« für Eisenach sehen.

Aber auch wenn das Fremdenjournal der Stadt für das Jahr 1833/34 Besucher nicht nur aus deutschen Großstädten wie Hamburg, Berlin, Dresden und Leipzig über Frankfurt und Stuttgart bis München, sondern auch aus europäischen Metropolen wie Amsterdam, Metz, Maastricht, Lille, Paris oder Riga verzeichnete, wäre es immer noch völlig verfehlt, vom Fremdenverkehr im großen Stil zu sprechen.

Auch wenn die geographische Lage der Stadt – mitten in Deutschland – nahezu ideal war dauerte es noch bis zum August 1847, bis Besucher in großer Anzahl mit der Eisenbahn vergleichsweise bequem die Stadt erreichen konnten. Jetzt aber trat neben Geschichte und Kultur noch ein weiterer Aspekt ins Blickfeld, nämlich die natürliche Umgebung. Auch die Eisenach umgebende Landschaft wurde für die Besucher interessant.

In der zweiten Hälfte des 19. Jh. entwickelte sich Eisenachs Fremdenverkehr in zwei Richtungen: Einmal in Richtung Tagungstourismus und einmal in Richtung Kurort.

»Tagungstourismus«

Zwar war Eisenach eine verschlafene Provinzstadt ohne eigenes politisches Gewicht – dennoch vollzogen sich hier Großereignisse, von einiger Dimension. Nach dem Burschenschaftstreffen 1817 versammelten sich die Burschenschaften im Revolutionsjahr 1848 erneut hier. 1847 trafen sich Sänger und Chöre in Eisenach, um durch ihre Lieder ihre nationalpolitischen Botschaften zu verbreiten. 1859 war das liberale deutsche Bürgertum in Eisenach zu Gast, um in der »Phantasie« die Gründung des Deutschen Nationalvereins vorzubereiten. Zehn Jahre darauf schuf die SPD in Eisenach ihre frühen Parteistrukturen.

In der gesamten 2. Hälfte des 19. Jh. fanden regelmäßig Tagungen von Parteien oder Berufs- und Fachverbänden in Eisenach statt: 1850 eine Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereins, 1872 die Gründung des Vereins für Sozialpolitik, 1892 und 1902 Parteitage der Nationalliberalen Partei, 1894 und 1902 Parteitage der Deutschsozialen Reformpartei und der Freisinnigen Volkspartei, jährliche Deutsche Ärztetage und 1902 die Gründung des Vereins der Deutschen Automobilindustrie. Eine Aufzählung, die sich noch beliebig verlängern ließe.

Ganz offensichtlich hatte die Stadt diesen Besucheransturm erwartet: Denn schon im Sommer 1847 wurden Fremdenführer verpflichtet, die u.a. die Aufgabe hatten, »um den hierher kommenden Fremden den Besuch der Umgegend zu erleichtern und sie vor Überteuerung zu schützen«. Inwiefern es sich beim 2. Halbsatz um bloße Vorsorge handelte oder ob es konkrete Anlässe gab, ist nicht überliefert.

Immerhin schon 20 Gasthöfe boten 1866 Unterkunft und Verpflegung. So bspw. der »Rautenkranz«, der »Halbe Mond« und der Gasthof »Sonne« in der Georgenstraße, der »Thüringer Hof«, der »Goldene Löwe« oder der »Anker« in der Karlstraße. Dennoch wies 1871 ein Reiseführer über Eisenach darauf hin, daß die Gaststätten in der Innenstadt oft deutlich überfüllt waren. Ein deutliches Indiz für die Beliebtheit Eisenachs.

Die Infrastruktur zu Gunsten der Gäste wurde stetig fortentwickelt. Seit 1871 verkehrte eine regelmäßige Droschkenlinie, Omnibus genannt, von Bahnhof in das Mariental. Seit 1887 führte eine solche Linie auch vom Bahnhof zur »Hohen Sonne«. Der vorläufige Höhepunkt war dann die Eröffnung der Straßenbahn 1897. Vom 1. August des Jahres an brachte die »Elektrische« den Ankommenden direkt vom Bahnhof ins Mariental. Manches scheiterte auch. So etwa die Pferdebahn vom Carl-Alexander-Bad (an der Hörsel im Bereich des heutigen Güterbahnhofes) nach dem Annatal, die elektrische oder Drahtseilbahn zur Wartburg oder eine preßluftbetriebene Bahn vom Bahnhof ins Annatal.

Eisenach als Kurbad

In den 1880er Jahren entwickelte sich eine zweite Linie, die sich dem Fremdenverkehr widmete und die vor allem auch versuchte, Strukturen zur Organisation des Fremdenverkehrswesens aufzubauen.

Auf Initiative von Albin Heintze, einem früheren Kaufmann und jetzigen Rentier, trafen sich am 19. Januar 1884 etwa 50 Personen im »Goldenen Löwen«. Heintze hatte eine Denkschrift zum Thema »Eisenach zu einem großen Bade- resp. Luft-Curort zu gestalten« verfaßt und stellte diese einer breiteren Öffntlichkeit vor. Als Gründe für das Projekt hob Heintze besonders die waldnahe Lage mit gut ausgebautem Wegenetz, die Nähe zur Wartburg sowie eine gute Hotel- und Restaurantkapazität hervor.

Dabei spielte gewiß auch Futterneid eine Rolle: Die Wartburg würde jährlich 100.000 Touristen anziehen, die Stadt aber leer ausgehen. Es wurde ein Komitee gebildet, daß Heintzes Vorschläge, nämlich die Errichtung eines Kurhauses mit Kaltwasserheilanstalt und weiteren Badeeinrichtungen, entweder östlich des Kartausgartens oder im Johannistal für den stolzen Preis von ca. 90.000 Mark, prüfen sollte.

Ungeklärt blieb allerdings das Verhältnis Eisenachs zu seiner Industrie: Bereits ab Ende des 18. Jahrhunderts wurden die ersten Manufakturen, Walkmühlen und Färbereien gegründet. 1820 war direkt vor dem Frauentor, im direkten Zugang zum heutigen Südviertel, eine große Ziegelei gegründet worden. Diese hatte ihren Betrieb zwar bereits nach Eisenach-Stregda verlegt – aber bereits 1812 war auch eine Spinnerei, 1835 eine Bleiweiß- und Farbfabrik und 1868 eine Herdfabrik, die sich schnell zu einer deutschlandweit bekannten Eisengießerei entwickelte, entstanden. Durch Ansiedlung zahlreicher weiterer Fabriken wurde Eisenach zunehmend zur Industriestadt, deren Bild später vor allem durch die 1898 gegründete Fahrzeugfabrik geprägt wurde. So entstand ein Spannungsfeld zwischen der Bestrebung, Eisenach zu einer Kurstadt zu entwickeln und der Realität zunehmender Industrieansiedlungen bzw. dem Ausbau bestehender Unternehmen innerhalb des Stadtgebietes. Beides ließ sich unter den damaligen Verhältnissen nicht miteinander vereinen. Bereits beim Verlassen des Bahnhofs traf der Blick des Besuchers auf die Fabrikanlagen der Chemischen Werke Arzberger, Schöpff u. Co. mit seinen qualmenden Schornsteinen.

»Auf den ersten Blick will es als widersinnig erscheinen, dass eine Stadt sich als eine Villenstadt für die Ruhe oder sonstige Annehmlichkeiten Suchende und auch als Industriestadt entwickeln will«

schreibt Eduard Scheller (selbst Villenbewohner) 1898 in seinem Buch »Eisenach & Umgebung«. Zwar bezieht sich Scheller auf das aufstrebenden Villenviertel im Süden von Eisenach – aber für die Kurbadintentionen ist sein Bedenken ebenso angebracht.

Aber danach hörte man erstmal nicht mehr viel von diesem »Komitee zur Errichtung Eisenachs zum klimatischen Kur- und Badeort«, das sich 1886 in einen »Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs« umwandelte.

Was folgte waren einige private Initiativen: Zwischen 1888 und 1890 wurde die Kuranstalt des Dr. Köllner auf dem Hainstein erbaut. Das Sanatorium hatte 75 Betten und ging 1903 in eine Aktiengesellschaft auf. Später. nach 1918 erfolgte die Umwandlung in ein Hotel. In der Kapellenstraße 15 wurde im Mai 1894 die Naturheilanstalt des Herrn Johannes Glau unter Leitung des Arztes Dr. Sehrwald eröffnet. »Die Kurgäste«, so heißt es in der Zeitung, »finden im Haus schön ausgestattete Logierzimmer, von denen aus man durchweg schöne Aussicht auf den Wald, die Wartburg etc. hat.« Drei Jahre darauf zog die Anstalt in das neu errichtete Haus Philipp-Kühner-Str. 2 und firmierte später als Wartburg-Sanatorium.

1898 gründete sich ein neues Kurkomitee. Man wollte die Gwinne aus dem Kurgeschäft schließlich nicht allein einigen Privatiers überlassen. Das 1899 eröffnete Sophienbad erfreute sich wachsender Beliebtheit und nach Umbau wurde 1902 das »Kurhotel Fürstenhof« eröffnet.

1904 sollte sich eine entscheidende Wende anbahnen: Ein neuer Oberbürgermeister, Hans Schmieder, löste den etwas glücklos amtierenden Dr. Georg von Fewson ab. Hans Schmieder war von der Kurbadidee begeitert und verfolgte sie mit Konsequenz weiter.

Nikolaus von Dreyse war seit einiger Zeit der Besitzer der Heilquelle bei Wilhelmsglücksbrunn. Er hatte versucht mit der Quelle aus dem nahegelegenen Creuzburg ein Heilbad zu machen – war aber gescheitert. Und so suchte von Dreyse weiter nach einer anderen sinnvollen Verwendung des heilkräftigen Wassers und traf, nachdem sein Ansinnen bis dahin von den Eisenacher Stadtvätern beharrlich ignoriert worden war, bei Schmieder auf offene Ohren. Der fertigte sogleich eine neue Denkschrift darüber, wie rosig Eisenachs Zukunft als Weltbad aussehen könnte.

Auf Schmieders Initiative geht auch die Wandelhalle zurück, in der das Wilhelmsglücksbrunner Heilwasser künftig sprudeln sollte und nachdem 1905 die Kurbad Eisenach GmbH als Betreibergesellschaft gegründet war wurde die Wandelhalle am 9. Juli 1906 eingeweiht. Extra für das heilkräftige Wasser aus Wilhelmglücksbrunn war eine 13 km lange, hölzerne Wasserleitung gebaut worden, so daß das Wasser in der Wandelhalle ausgeschenkt werden konnte.

Damit hatte die Fremdenverkehrsentwicklung in Eisenach, zumindest für den Kurbetrieb, erstmals eine festgefügte Organisationsform gefunden.

Aber wie sollte mit den nicht das Kurbad besuchenden Gästen umgegangen werden? Wie sollte die weitere Entwicklung Eisenachs als Kongreß- und Tagungsort vorangetrieben werden? – Eine Antwort auf diese Fragen war immer noch nicht gefunden.

Wieder auf die private Initiative eines Schlossermeisters wurde zu Ostern 1913 der Kraftomnibusbetrieb auf den Buslinien Bahnhof-Wartburg und Bahnhof-Hohe Sonne-Wilhelmsthaler See eröffnet und erfreute sich sofort großer Beliebtheit.

Trotz positiver Entwicklung vor dem 1. Weltkrieg – die Zahl der gemeldeten Fremden in Eisenach stieg von 89.000 im Jahre 1904 über 99.500 im Jahre 1905 auf 102.500 im Jahre 1906 – blieb der diesbezügliche Markt immer heftig umkämpft. Zwar hielt der Zuzug der Erholungssuchenden unvermindert an doch musste man etwas tun, damit dieser Strom nicht abriß.

Die Fremdenverkehrsverwaltung

In den vergangenen Jahrzehnten hatte es immer wieder Versuche gegeben, der Verkehrsverwaltung feste Strukturen zu geben. Doch diese waren wenig haltbar – immer wieder überlagerten private Interessen die allgemeinen, das Wohl der Stadt insgesamt vor Augen habenden, Interessen. Darüber hinaus mischten verschiedene Vereine an den diversen Bestrebungen in dieser Beziehung mit. Insbesondere der Thüringer Waldverein, der Verschönerungsverein oder der Hausbesitzerverein, die allesamt auch wieder eigene Interessen verfolgen. Die Installation eines koordinierender Überbau war offensichtlich notwendig.

Das dachte sich wohl auch der damalige Stadtrat Philipp Kühner, als er für den 23. Februar 1910 eine Versammlung einberief. Kühner, der neue Ressortleiter Fremdenverkehr, wollte mit den Teilnehmern über die Verwendung eines Budgets von 1.000 M beraten. Bauunternehmer Oswald Bierschenk kritisierte zuerst einmal die bisherige Verkehrsverwaltung. Sie würde Reisewilliger nur mangelhaft beraten und so gut wie nichts unternehmen, Tagungswillige nach Eisenach zu holen. Auch würden sich die Gewerbetreibenden an diesbezüglichen Aktivitäten nur mangelhaft beteiligen. Das praktische Ergebnis der Versammlung war die Gründung einer Kommission, die »die Frage der Beschaffung der Mittel [für die Werbung] und die Errichtung eines besonderen Büros, das die Arbeit zur Hebung des Fremdenverkehrs leiten soll« zu klären habe.

Zur erneuten Sitzung am 4. März 1910 wurde dann ein Programm vorgestellt. Es sollten:

  1. die Bemühungen, Tagungen und Kongresse nach Eisenach zu holen, verstärkt werden,
  2. der Zuzug Fremder als ständige Stadtbewohner gefördert werden,
  3. die durchschnittliche Verweildauer der Besucher, die zumeist nur durchreisen oder sich ein bis zwei Tage hier aufhalten, verlängert werden.

Um dies zu erreichen

  1. sollte ein Verkehrsbüro mit Auskunftsstelle in der Bahnhofstraße errichtet werden, welches kostenlos mündliche und schriftliche Auskünfte bezüglich des Unterkunfts- und Veranstaltungsangebotes erteilt
  2. und es sollten Werbeprospekte erstellt und überhaupt mehr Reklame für die Stadt gemacht werden.

Seinerzeit wurde auch wieder ein »Verein zur Förderung Eisenachs und des Fremdenverkehrs« gegründet, der in der Bahnhofstraße/Ecke Müllerstraße 1911 eine Geschäftsstelle zum Zweck der Auskunftserteilung, der Quartiervermittlung, der Werbearbeit und der Herausgabe von Stadtführern einrichtete.

Aber schon bald kam es wieder zu Konflikten zwischen den Beteiligten. Die von der Stadt geplante Einführung einer Fremdenverkehrsabgabe wurde durch die Eisenacher Gastwirte breit diskutiert und am 22. Januar 1911 in einer Entschließung rundweg abgelehnt. Wiesbaden wurde als Beispiel für die Schädlichkeit einer solchen Abgabe angeführt, wo eine solche Erhebung im Jahr 1910 zu einem Rückgang von 30.000 Kurgästen geführt hätte. Daran sieht man deutlich den Anspruch Eisenachs: Man fühlte sich als mitteldeutsches Baden-Baden, auf einer Stufe mit Wiesbaden.

Doch machte der 1. Weltkrieg alle Bemühungen zunichte. Und nach dem Krieg, 1918, konnte man nicht wieder an die Vorkriegsentwicklung anknüpfen. Zwischen 1919 und 1923 spielte der Fremdenverkehr kaum noch eine Rolle; die Menschen hatten ganz andere Probleme. Erst ab 1924, nach Beruhigung der wirtschaftlichen Turbulenzen, stand wieder freie Zeit und Geld für größere Reisen zur Verfügung.

Das Kurbad verkam während dieser Zeit zu einem Spekulationsobjekt. Beim Badebetrieb, der 1909 an die »Terrain- und Baugesellschaft Bierschenk & Freitag« verpachtet worden war, erfolgte ein Pächterwechsel. Der Badebetrieb und der Versand des Heilwassers wurden getrennt. Am 5. Mai 1922 teilte die Kurbad-Eisenach GmbH dem Chefarzt des Wartburg-Sanatoriums, Dr. Peters, resigniert mit: »Binnen kurzem wird das Kurbad Eisenach unter städtischer Leitung … seinen Betrieb wieder eröffnen, wenn auch nur in bescheidenem Umfang.« Ab 1923 lag dann der gesamte Kurbadbetrieb in den Händen der Stadtverwaltung Eisenach.

Auch das Verkehrsbüro dümpelte nur noch so vor sich hin. Der »Verein zur Förderung Eisenachs und des Fremdenverkehrs«, der sich seit 1922 nur noch »Verkehrsverein« nannte, überschrieb schlußendlich im April 1923 »alle Einrichtungen und Bestände … dem damaligen Vorstandsmitglied Burgemeister gegen Übernahme aller Verbindlichkeiten«. Das Verkehrsbüro wurde nun auf eigenen Rechnung unter der Firma »Schiecke und Burgemeister« weiter betrieben.

Das konnte aber auch keine Lösung sein. In Erwägung gezogen wurde die Schaffung eines selbständigen und unabhängigen Büros, geleitet von einem Fachmann für Fremdenverkehr, das sich künftig um das Stadtmarketing bemühen sollte. Zunächst formierte sich am 30. April 1924 der Verkehrsverein, unter dem Namen »Verkehrsverein. Städtisches Verkehrs- und Reisebüro«, neu. Obwohl wieder eine private Initiative wollte man mit der Wahl des Namens eine enge Verbindung zur Stadtverwaltung signalisieren.

Grundlage war jetzt eine Satzung, in der sich der Verein seinen Zweck wie folgt definierte: Es gehe darum, »den Verkehr nach Eisenach zu lenken und die Entwicklung Eisenachs und seines Verkehrs zu fördern.« und die Unterhaltung »eines eigenen Verkehrsbüros.« Ein Finanzkonzept wurde entwickelt.

Durch die Veranstaltung »Drei Frühlingstage«, an der sich alle an der Hebung des Fremdenverkehrs in Eisenach Interessierten beteiligt hatten, im Frühjahr 1924 waren größere finanzielle Mittel zusammengekommen. Zuzüglich einer Spende der Eisenacher Banken betrug diese Summe 17.500 Mark, für die man gegenüber dem Bahnhof, nach Plänen des Architekten Johannes Cartobius, den Verkehrspavillon errichtete, der am 1. Oktober 1924 eröffnet wurde. Erster hauptamtlich tätiger Eisenacher Verkehrsdirektor wurde Dr. Kuckuck aus Erfurt, der allerdings nur kurzzeitig, von Juni bis Ende Juli 1924, amtierte. Ihm folgte Dr. Wehrenpfennig, der das Amt dann bis 1934 inne hatte. Dem Verkehrsdirektor standen drei Angestellte zur Seite. Finanziert wurde die Tätigkeit gemäß der Satzung von 1924 aus Mitteln der Stadtverwaltung, der Wartburgstiftung, einer so genannten Propaganda-Umlage, die die Hoteliers und Gaststätten-Inhaber zu zahlen hatten, sowie aus eigenen Geldern des Vereins.

Aber dieses Finanz-Konstrukt stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Solche Briefe, wie jenen, den die Wartburgstiftung 1929 ärgerlich an die Stadtsparbank richtete, waren nicht selten. Die Stiftung werde sich »bei der Mißwirtschaft des Vereins sehr wohl überlegen, ob sie diesem den Betrag noch gibt oder nicht lieber selbst die Werbetrommel rührt.«

Aber trotz der Tatsache, daß der Kurbetrieb eingeschlafen war, entwickelte sich der Fremdenverkehr in den Jahren von 1924 bis 1929 sehr gut. 1924 führte der Jahresbericht aus, daß das Geschäft mit den Fremden gut laufe »da zahlreiche Kongresse in der Wartburgstadt stattfanden und infolge der Inflation auch ein starker Ausländerverkehr einsetzte.« Für das Geschäftsjahr 1927 wurden 100.000 Übernachtungsgäste gemeldet. »In Mitteldeutschland«, schrieb eine Zeitung, »gibt es außer Leipzig und Dresden keine Stadt, die sich eines gleichstarken ausgesprochenen Fremdenverkehrs rühmen kann.«

Der Schlüsselfaktoren dieses Erfolgs waren die ländliche Schönheit, die gute Erreichbarkeit in der Mitte von Deutschland und der romantische Schatten der Wartburg. Die 1929 zur Verfügung stehenden 1.600 Hotel- und 200 Fremdenzimmerbetten waren gut ausgelastet.

Das Glück hielt allerdings nicht allzu lange an. Die Weltwirtschafts- und Bankenkrise 1929 bis 1931 schlug voll auch nach Eisenach durch. Die Zahl der gemeldeten Besucher von 102.320 im Jahr 1929 sank auf 71.971 im Jahr 1931; die Übernachtungszahlen sanken von 190.566 (1929) auf 142.646 (1931).

Mit einer Neufassung der Satzung im Oktober 1930 versuchte man die Finanzierung neu zu ordnen. Man installierte neben der Mitgliederversammlung und dem Vorstand, dem jetzt nicht mehr qua Amt auch der Verkehrsdirektor angehörte, noch einen Verwaltungsrat, der von den Geldgebern besetzt wurde, diesen rechenschaftspflichtig war und das Gebaren des Verkehrsdirektors überwachen sollten. Aber sinkende Besucherzahlen und deswegen reduzierte Einnahmen waren auf Dauer nicht durch verstärkte Aufsicht auszugleichen.

Durch die organisierte Reiselust im 3. Reich erfuhr der Fremdenverkehr wieder einen nachhaltigen Aufschwung. Die NS-Funktionsträger brachten die Fremdenverkehrsverwaltung rasch in ihre Hände und ließen, im Geleitwort zu neuen Satzung 1935, keinen Zweifel an seiner Zukunft: »Die alten Formen des Parlamentarismus mit seinen Mehrheitsbeschlüssen hatten dem verantwortungsfreudigen und schnell arbeitenden Führerprinzip zu weichen. Die beschließende Vereinstätigkeit musste daher eine beratende werden.« Vorsitzender des Vereins wurde folgerichtig der NSDAP-Kreisleiter Hermann Köhler, vertreten wurde er durch den Oberbürgermeister Dr. Janson.

Ehedem stark vereinsbasiert und vom Ehrenamt getragen, wandelten sich nun die Verhältnisse. Mit dem 1. Juli 1937 wurde ein Stadtverkehrsamt im Dezernat des Bürgermeisters eingerichtet. Es übernahm die Geschäfte des Verkehrsbüros. Die behördlich-organisatorische Straffung, freilich immer unter Berücksichtigung des ideologische Zieles dieser Maßnahme - der Gleichschaltung, der schloss zunächst positive Ergebnisse keinesfalls aus, wie der Jahresbericht der Stadtverwaltung 1938/39 erkennen lässt. Demzufolge besuchten in diesem Jahr 91.810 Menschen die Stadt; 148.805 Fremdübernachtungen wurden gezählt. An besonderen Werbemaßnahmen führte man durch: Versand der neuen 2-farbigen Reklameschriften an alle Reisebüros und Verkehrsämter sowie an die Reichsbahnzentrale; Durchführung von Schaufensterausstellungen in 14 Groß- und Mittelstädten Deutschlands, wobei ein Holzmodell der Wartburg den Blickfang bildete; Versand von Einzeleinladungen an 500 Verbände und Vereinigungen sowie von 15.000 Werbebriefen an Schulen, Wandervereine und Industriefirmen zwecks Veranstaltung von Tagesausflügen nach Eisenach.

Ab dem Kriegsbeginn, 1939, kam dann der Fremdenverkehr schrittweise zum Erliegen. Zwar kamen bis etwa 1944 noch regelmäßig Gäste in die Stadt und noch 1943 drehte die Ufa ein Werbespot über Eisenach, der in der Wochenschau präsentiert wurde, doch erreichte der Tourismus in diesen Jahren nie mehr die Erfolge vorheriger Zeiten.

Auch dem Kurbadbetrieb, seit 1923 zu hundert Prozent in städtischer Hand war, war kein gutes Ende beschieden: Die Kurbad Eisenach GmbH wurde am 21. Januar 1938 aus dem Handelsregister gelöscht. Damit endet der fast vier Jahrzehnte andauernde Versuch, Eisenach zu einem mitteldeutschen Baden-Baden zu machen, mehr oder weniger sang- und klanglos.

Fremdenverkehr und Tourismus 1945 bis 1990

Die unmittelbaren Nachkriegsjahre mit ihren vielfältigen Problemen ließen eine wirkliche Reiselust nicht aufkommen. Auch hatten die Städte zwischen 1945 und 1950 andere Probleme, als den Fremdenverkehr zu forcieren.

Zuerst stand der Wiederaufbau im Mittelpunkt. Dies war auch für Eisenach wichtig, lagen doch zwei wesentliche »touristische Magnete«, Bachhaus und Lutherhaus, in Trümmern. Was also hätte man dem Stadtgast zeigen können? – Dennoch blickte man optimistisch in die Zukunft. Am 20. Juli 1947 war in der »Neuen Zeit«, Tageszeitung der CDU, zu lesen: »Heute schon bringen große Tagungen auf der Wartburg Fremde und Geld in die Stadt. Morgen aber sollen die Ferienreisenden kommen. Für sie wird der Tanz im Fürstenhof sein, das Wandelhallenkonzert des Philharmonischen Orchesters, das Stadttheater. Nur die Kurquelle ist noch versiegt.«

Zu Beginn der 1950er Jahre wurde das Reisen für eine größere Zahl von Menschen wieder interessant. Es entwickelte sich zunächst zweigleisig: Einerseits gab es die stark subventionierte Reiseabteilung, genannt »Feriendienst«, beim 1946 gegründeten FDGB. Andererseits entstand 1949 das Reisebüro der DDR, das vornehmlich Kurzfahrten und teure In- und Auslandsreisen anbot. Im Hinblick auf die touristische Vermarktung Eisenachs favorisierte der Stadtvorstand die Zusammenarbeit mit dem Reisebüro.

Deswegen notierte sich der amtierende Bürgermeister Werner Fischer über ein Gespräch mit Vertretern des Reisebüros am 10. Februar 1953: »Ich habe von Seiten der Stadt zugesagt, daß dem Reisebüro alle Unterstützung seitens der Stadt zuteil wird, ..., daß wir aber vom Reisebüro erwarten, daß dasselbe sich restlos für die Belange der Stadt und insbesondere des Fremdenverkehrs einsetzt.«

Die Aufgabe des Reisebüros sollte es sein, neben der Betreuung der Fremden auch den Zimmernachweis in die Hand zu nehmen. Überdies müsse man neue Stadtführer qualifizieren. Im Verlauf des Jahres 1954 wurde schließlich nach langen Querelen wieder ein Stadtprospekt herausgegeben, der den Ankommenden Orientierung bot, den Unentschlossenen aber zur Reise nach Eisenach animierte. 1955 schließlich beriet man die Schaffung eines zentralen Veranstaltungsbüros, »um den in Eisenach mehr und mehr anwachsenden Fremden-Verkehrs- und Besucher-Strom in gewisse Bahnen zu lenken, sowie bei stattfindenden Tagungen und Kongressen in der Wartburgstadt Überschneidungen zu vermeiden.«

Was dann passierte, liegt im Dunkel. Bewegung kam in die Frage einer rein städtischen Fremdenverkehrsverwaltung erst wieder Mitte der 1960er Jahre.

1963 war Eisenach staatlich anerkannter Erholungsort geworden. Im Dezember 1965 kritisierte eine Staatsexamensarbeit: »Es muss gesagt werden, daß das Reisebüro der DDR den ständig wachsenden Anforderungen nicht mehr gerecht wird. Seine Aufgabe besteht zurzeit nur in der Auskunft, der Unterkunft und Verpflegung der Gäste.« Es sei unverzichtbar, »das geplante Informationsbüro« endlich einzurichten. Gerade im Vorfeld des Wartburg-Jubiläums 1967 hätte es wichtige Aufgaben zu erfüllen.

Doch erst drei Jahre später, also nach dem Jubiläum, entschloss man sich, dem Reisenden eine Kurtaxe abzuknöpfen. Eine entsprechende Ordnung hatte die Stadtverordnetenversammlung am 18. Juli 1968 beschlossen. In gleicher Sitzung votierte man für eine Ortssatzung über das Erholungswesen in der Stadt Eisenach. Sie schrieb, und das ist für die Geschichte der Eisenacher Fremdenverkehrsverwaltung von Bedeutung, die Bildung einer Einrichtung mit Namen »Eisenach Information« vor, die schließlich noch im Juli 1968 ihre Arbeit aufnahm. Zu ihrem Arbeitsgebiet gehörten die mit dem Stadttourismus verbundenen Aufgaben wie bspw. die Erarbeitung und den Vertrieb von Werbematerial und Souvenirs, die Herausgabe eines Veranstaltungsplanes, die Koordinierung des Veranstaltungswesens, der Kartenvorverkauf, die Übernachtungsvermittlung, die Führung eines Zimmernachweises sowie die Koordinierung und Gestaltung von Tagungen und Kongressen.

Zunächst im Haus Bahnhofstraße 32 untergebracht, erfolgte 1971 der Umzug in den seinerzeit attraktiven Neubau in der Bahnhofstraße 3-5. Von nun an hatte die Eisenacher Fremdenverkehrsverwaltung Strukturen, die bis zum Ende der DDR bestanden. Auch die Eingliederung des in Eisenach sehr bekannten, Jahrzehnte lang selbständig geführten Konzertbüros von Rudolf Bley 1980 in die Eisenach-Information sowie die Aberkennung des Kurortstatus für die Wartburgstadt im Jahr 1985 änderten daran nichts mehr.

Die Eisenach Information begleitete zahlreiche Tagungen und Kongresse bzw. Festveranstaltungen. Zuerst sind hier das Luther-Jahr 1983 und das Bachjahr 1985 zu nennen. Dazu kommt eine Vielzahl von Fachtagungen, offenbar hatte Eisenach trotz seiner Grenzlage nur wenig von seiner »Konferenzattraktivität« eingebüßt.

Daß diese Attraktivität sich nicht nur auf Tagungsgäste bezog, belegen die stetig wachsenden Besucherzahlen, die in igendeiner Weise von den Leistungen der Eisenach-Information profitierten. Ebenso wuchsen die Zahlen der Teilnehmer an Standrundgängen von 62.566 (1984) auf 65.515 (1986) und der vermittelten Übernachtungen von 23.948(1984) auf 34.970 (1986). Im Februar 1986 standen der Eisenach-information 318 Betten bei 92 Vermietern in den Kategorien »von exklusiv bis gerade noch zumutbar« zu Verfügung.

Die Zahl der Fremdenführer stieg von 39 (1984) auf 46 (1986). Auf deren Ausbildung legte man viel Wert. Als die Eisenach-Information gegründet worden war, übernahm man die bis dahin vom Deutschen Reisebüro ehrenamtlich beschäftigten Stadtführer. In besten Zeiten gab es 58 Stadtführer, die in deutsch, englisch, französisch, russisch, polnisch, bulgarisch, rumänisch und ungarisch führten. Geschult wurden sie in fachlichen, zunehmend aber auch in ideologischen Fragen. Denn die DDR sah in einem zentral geführten Tourismus-System auch die Möglichkeit, die Reputation des Landes gegenüber ausländischen Besuchern zu verbessern. Die Fremdenführer wurden angehalten, »diesen Touristen ein eindrucksvolles Bild des gesellschaftlichen Lebens in der DDR, vom Aufbau der entwickelten Sozialistischen Gesellschaft sowie von Denken und Handeln unserer Bürger zu vermitteln.« Daß dies in Anbetracht eines maroden Zustandes des Stadtbildes immer schwerer wurde, ist vorstellbar.

Fremdenverkehr nach 1990

(Wird gelegentlich fortgesetzt.)

(Dieser Text entstand auf der Grundlage eines Aufsatzes von Dr. Reinhold Brunner.)


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